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Schule als sicherer Ort: Schulpsychologische Gedanken und Tipps zum Start ins Schuljahr 2022/23

Am 10. August begann das Schuljahr 2022/23. Es ist das vierte „Corona-Schuljahr“, hinzu kommen Sorgen und Ängste infolge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Nach wie vor steht die Gesellschaft vor zahlreichen Herausforderungen, die wiederum mit großen Verunsicherungen einhergehe: Sorgen ĂŒber die eigene Gesundheit, ExistenzĂ€ngste oder Mehrfachbelastungen. Diese Verunsicherungen bekommen auch Kinder und Jugendliche mit und sind so doppelt betroffen: Mit ihrer eigenen Unsicherheit aber (und besonders?) mit der der Erwachsenen. Aus der Lernpsychologie wissen wir, dass Lernen am besten in einem „sicheren Kontext“ gelingt. Einen solchen sicheren Kontext bildet die Schule – ein „sicherer Ort“.

 

Emotionale Sicherheit und die soziale Gruppe

WĂ€hrend der coronabedingten KontakteinschrĂ€nkungen konnten alle spĂŒren, was es bedeutet, sozial abgeschnitten zu sein. Dies gilt fĂŒr Kinder in einem besonderen Maße. Zentrale Aspekte „sozialer Sicherheit“ sind Gruppenklima, Werte, Normen oder Leadership. So findet bspw. Mobbing in unsicheren Gruppen hĂ€ufiger statt als in sicheren. Daher haben Gruppenprozesse bei einem Neubeginn wie dem Start nach den Ferien eine enorme Wichtigkeit. Zu keinem Zeitpunkt im Gruppenprozess gibt es so viel Dynamik und damit Steuerungsmöglichkeit der Bezugspersonen. LehrkrĂ€ften kommt also damit die Aufgabe zu, auf diese Prozesse zu achten, Zeit zu investieren, es als sinnvoll und gewinnbringend zu erleben sie zu moderieren und positiven Einfluss zu nehmen, z.B. durch

  • Herstellen von Transparenz, von Normen und Regeln
  • EinfĂŒhrung und Beachtung von Ritualen
  • Modell-Sein fĂŒr sozial erwĂŒnschtes Verhalten
  • positive WĂŒrdigung sozial erwĂŒnschten Verhaltens
  • sofortiges und sichtbares Reagieren auf Regelverletzungen
  • Öffentliches Missbilligen a-sozialen Verhaltens (Fokus auf Verhalten, nicht auf Persönlichkeit bzw. Missbilligung der Meinung nicht der Person) ohne Einzelne*n bloßzustellen. Haltung geprĂ€gt von demokratischen Werten
  • Beziehungsarbeit auch bei „schwierigen“ SchĂŒler*innen in den Blick zu nehmen/anzugehen
  • Bewusst vorgegebene (Teil-)Gruppenaufteilungen (nicht nur in potentiellen Wechselmodellen!)

Flankiert werden sollten diese Maßnahmen durch eine damit verzahnte Elternarbeit sowie eine deutlich sichtbare Willkommenskultur („Wir begrĂŒĂŸen dich und freuen uns sehr, dass du hier bist!“). Dies gilt ĂŒbrigens auch im besonderen Maß fĂŒr geflĂŒchtete Kinder und Jugendliche. Ein positives Klassenklima zu gestalten darf (Unterrichts-)Zeit kosten!

 

GefĂŒhlte Sicherheit ist direkt lernförderlich

Die wahrgenommene persönliche Sicherheit ist eine wichtige Voraussetzung fĂŒr Lernen. Hierbei sind drei Faktoren zentral: Beziehung, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeitserwartung.

Beziehungen: FĂŒr SchĂŒlerinnen und SchĂŒler sind Beziehungen zu den engeren und engsten Mitmenschen bedeutend. Gerade zu LehrkrĂ€ften und Eltern ist der Beziehungsaspekt doppelt lernförderlich, da oft „fĂŒr den Lehrer (oder die Eltern) gelernt“ wird. Signalisiert eine Lehrkraft bspw. unbewusst „ich habe kein Interesse an dir“, dann wirkt sich das doppelt negativ auf die SchĂŒlerin oder den SchĂŒler aus. In Phasen des Distanzlernens hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, beziehungsstiftende Elemente in den Unterricht einzubauen. Wichtige Faktoren von Beziehung sind wahrgenommene AuthentizitĂ€t, wertschĂ€tzende Kommunikation, PerspektivenĂŒbernahme, VerlĂ€sslichkeit, Umgang mit anderen (i.S. von Modellernen) und sozial wirksame PrĂ€senz.

Selbstbestimmung: Je mehr Menschen das GefĂŒhl haben, ihr Leben selbstbestimmt fĂŒhren zu können, desto sicherer und weniger gestresst sind sie. Elemente der Selbstbestimmung bilden ein gutes Gegengewicht zu krisenhaften Verunsicherungen. Möglichkeiten zur Steigerung der Selbstbestimmung reichen von der Auswahl zu bearbeitender Aufgaben bis hin zu Mitbestimmung von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern bei der Vor-Ort-Ausgestaltung von z.B. Hygieneverordnungen. Ein etabliertes Beispiel fĂŒr Partizipation ist der Klassenrat (hier z.B. gemeinsames Entwickeln von Klassenregeln, inklusive der Folgen bei Regelverletzungen).

Selbstwirksamkeitserwartung: Erwartungen von Menschen, in bestimmen Situationen wirksam handeln zu können, können hohe Motivation erzeugen. Die Selbstwirksamkeitserwartung von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern kann z.B. durch Transparenz von Aufgaben, von Kriterien fĂŒr Leistungen oder durch möglichst passgenaue Schwierigkeitsgrade von Anforderungen erhöht werden. Besonders wichtig sind konstruktive RĂŒckmeldungen zur individuellen Zielerreichung.

 

Sicherheit fĂŒr LehrkrĂ€fte

Schule soll auch fĂŒr Schulleitungen und LehrkrĂ€fte ein sicherer Ort sein. Es gab und gibt neben den privaten Herausforderungen zahlreiche Quellen fĂŒr (gefĂŒhlte) Unsicherheit: VorwĂŒrfe von verschiedenen Seiten, Mehrfachbelastungen und einiges andere mehr. In den ĂŒberwiegenden FĂ€llen lösen krisenhafte Ereignisse ein hohes Maß an SolidaritĂ€t und GemeinschaftsgefĂŒhl aus. Das ist bei Corona teilweise anders. Als Folge der oben genannten Belastungen ist gesellschaftlich eher das Gegenteil eingetreten. Daher ist es auch eine wichtige Aufgabe von Schule, in die StĂ€rken des Kollegiums und in die Lehrergesundheit zu investieren und fĂŒr klare, verlĂ€ssliche Strukturen zu sorgen.

 

Schulpsychologische UnterstĂŒtzung

Die Regionale Schulberatungsstelle des Kreises Borken bietet Hilfe in Fragen schulischer UnterstĂŒtzung, LehrkrĂ€fteberatung, Schulleitungscoaching, aber auch in EinzelfĂ€llen z.B. bei persönlichen und Lern- oder Verhaltensschwierigkeiten oder Schulabsentismus. Informationen gibt es hier auf unserer Internetseite.

 

Fazit

Je nach Verlauf der Corona-Pandemie oder anderer krisenhafter Ereignisse kann es auch in diesem Schuljahr zu erheblichen EinschrĂ€nkungen kommen. DafĂŒr – aber auch im geregelten Schulbetrieb - gelten in allen sozialen und emotionalen (Lern)Kontexten die gleichen förderlichen Bedingungen: Je sicherer Menschen sich fĂŒhlen, desto besser geht es ihnen. Damit steigen automatisch Arbeitszufriedenheit und Lernleistungen.

 

Kontakt: Siehe unsere Kontaktinformationen

 

Den Text zum Ausdrucken als pdf.

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